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Rabbi Sussja oder der Mut zum Ich

"Das macht man nicht." "Man sieht sich." "Man kennt das ja!" "Da kann man nichts machen." "Wie man sich richtig bewirbt."

Das Wörtchen "man" ist allgegenwärtig. Nicht nur im Gespräch, sondern auch in den Köpfen und im Bewusstsein. Haben Sie einmal darauf geachtet, wie oft Sie es benutzen? "Man" - das ist oft mehr als ein kurzes Wort für "ich oder "wir". Es verrät bei genauerem Hinsehen meine Einstellung. Ich sage: "Man müsste sich mehr um arbeitslose Jugendliche kümmern." und meine damit: Irgendeine(r) müsste doch diese wichtige Aufgabe übernehmen - aber ich möchte es nicht. Mit dem unverbindlichen "man" weiche ich der Verantwortung aus. Ich kann mich gut dahinter verstecken, denn es sind ja noch so viele andere da, die das sicher besser können.

Das ist eine Seite. Eine andere Seite des "man" begegnet mir, wenn ich höre: "Man hat...", "Man trägt...", "Man trinkt...", "Man fährt..." Als Botschaft , die dahintersteckt, höre ich: "Wenn du dazugehören und anerkannt werden willst, dann musst du dieses oder jenes kaufen!" Wie erfolgreich diese Strategie ist, beobachte ich z.B. bei Jugendlichen, wo "man" bestimmte Klamotten und Turnschuhe - ein bestimmtes "Outfit" haben muss, um nicht zum Außenseiter zu werden.

Eine meiner Lieblingsgeschichten bringt das zweite genannte Problem mit dem "man" auf den Punkt. Es ist eine jüdische Erzählung:

Vor seinem Ende sprach Rabbi Sussja: In der kommenden Welt werde ich nicht gefragt werden: "Warum bist du nicht Mose gewesen?".
Die Frage wird lauten: "Warum bist du nicht Sussja gewesen?"

Mose - der war das große Vorbild. Ein Ideal. So wie er wollte "man" damals sein. Auch Rabbi Sussja. Bis er erkennt: 'Wenn ich Mose kopiere, verliere ich mich selbst. Gott hat mich nicht als eine von vielen identischen Kopien des Mose gewollt. Sondern er hat mich als den nur einmal auf dieser Welt vorhandenen Sussja geschaffen. Meine Bestimmung ist es, herauszufinden, wozu er mich in diese Welt gesetzt hat, was meine Aufgabe ist. In diese "Haut" muss ich hineinwachsen und nicht in die des Mose.'

Unser Ideal und Vorbild heißt heute nicht mehr Mose. Es ist in der Regel auch keine Person, sondern es sind Idealvorstellungen, nach deren Verwirklichung wir streben: die Erfolgreiche, der gute Schüler, der Rechtschaffene, die Coole, die perfekte Hausfrau und Mutter, der gute Christ. Wie gut und befreiend, wenn da jemand sagt oder vermittelt: "Diesen Druck musst du dir nicht machen. Du musst nicht perfekt sein. Du darfst einfach du selbst sein. Mit deinen Fehlern und Macken, verletzlich und einzig in deiner Art, hilfsbedürftig, aber lebendig und menschlich. Ein eigener Mensch und keine Kopie. So wirst du gebraucht." Das ist auch Gottes Meinung über jede und jeden von uns, die Jesus immer aufs Neue "rübergebracht" hat. Sie kann für Sie spürbar werden durch Mitmenschen, die sich nicht darum scheren, was "man" tut und wie "man" lebt, sondern glaubwürdige "Originale" sind.

Lassen Sie sich Mut machen zur Unvollkommenheit. Vielleicht können Sie versuchen, wenn Sie mit anderen reden, das "man" so oft wie möglich durch "ich" zu ersetzen. Und sagen Sie nicht: "Das sind doch nur Äußerlichkeiten." Sie werden merken, dass das tiefer geht. Vielleicht begegnet Ihnen dabei Gottes befreiender und lebendig machender Geist...

Johannes Fritzsche
Wort zum Sonntag in der Gießener Allgemeinen Zeitung am 27. Oktober 1997